

(Salzburg, 18.3.2026) Wie wird Wirtschaft im Kontext aktueller sozialer Herausforderungen und angesichts planetarer, ökologischer Grenzen in österreichischen Schulbüchern dargestellt? Welche Rolle spielen Nachhaltigkeitsaspekte wie die Klima- oder Biodiversitätskrise? Diesen und weiteren Fragen geht der Wirtschaftsgeograph und Transformationsforscher Hans Holzinger in einer aktuellen Studie nach. Die von ihm untersuchten Themenfelder in den Schulbüchern reichen von der Darstellung von Bedürfnissen und dem Ziel von Wirtschaften über die Messung von Wohlstand und Lebensqualität bis hin zu den Herausforderungen durch ökologische Krisen und die zunehmende soziale Spaltung. Auch Themen wie das Wirtschaftswachstum und dessen Grenzen, die Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, die Beschreibung der Wirtschaftssektoren, die Rolle der Finanzmärkte sowie Fragen der Ungleichheit und Entwicklung werden behandelt. Insgesamt hat der Autor 32 Begriffe untersucht. Ausführlicher Pressetext
Einige Ergebnisse in Kürze
Nachhaltigkeit ist Thema, aber nur bedingt am aktuellen Stand der Ökosystemforschung
Die Einschätzung des Studienautors: „Alle Schulbücher thematisieren ökologische Herausforderungen. Sie gehen ein auf Nutzungskonflikte, die Überbeanspruchung von Ökosystemen, die Degradation von Böden oder die Verknappung von Wasservorräten. Auch Landgrabbing wird problematisiert. Die Ausführlichkeit und Qualität der Darstellung variieren jedoch stark – nicht alle Schulbücher referieren den aktuellen Stand der Ökosystem- und Klimaforschung.“
Einer der Kritikpunkte von Holzinger: „Die Schulbücher gehen auf das Konzept der Nachhaltigkeitbzw. Tragfähigkeit des Planeten ein, das Problem des zu ressourcenintensiven Konsum- und Lebensstils in den wohlhabenden Ländern wird aber nur bedingt angesprochen. In manchen Schulbüchern wird ‚der Mensch‘ als Ursache für Nicht-Nachhaltigkeit bezeichnet, nicht ‚der Mensch in den Hochkonsumländern‘. Teilweise wird vor zu ‚radikalen Schritten‘ gewarnt.“
Die Klimakrise werde thematisiert, jedoch eher verhalten und überwiegend nicht dem aktuellen Stand der Klimaforschung entsprechend. Formulierungen wie „Viele Expertinnen und Expertinnen gehen davon aus, dass …“ oder das gleichgewichtige Nebeneinanderstellen von Risiken und Chancen durch die Klimaerwärmung würden die Herausforderung verharmlosen: „So betont ein Schulbuch etwa, dass der Sommertourismus in Österreich zu den Gewinnern des Klimawandels zähle, weil es im mediterranen Raum zu heiß für verträglichen Tourismus werde.“
Die „ökosoziale Marktwirtschaft“ werde als „Sonderform“ der Marktwirtschaft bezeichnet, nicht als notwendige allgemein anzustrebende Zukunftsperspektive; ebenso wie nachhaltige Investments für jene vorgestellt würden, die ethisch investieren möchten. „Wenn die Nachhaltigkeitswende gelingen soll, sind jedoch alle Kapitalströme auf ökologisch zu trimmen.“ Die Notwendigkeit einer gänzlichen Verabschiedung von den fossilen Energieträgern werde zu wenig betont, zum Teil sogar Peak Oil als Hauptproblem dargestellt, nicht der Ausstoß an Treibhausgasen. Der Umgang mit Ressourcen werde vor allem mit Recycling verbunden, eine Kreislaufwirtschaft mit langlebigen Produkten und Ökodesign kaum thematisiert, so weitere Kritikpunkte von Holzinger.
Zukunft der Arbeit und der erweiterte Arbeitsbegriff – Sozialstaat zwischen Errungenschaft und Nicht-mehr-Finanzierbarkeit
Im Bereich der Erwerbsarbeit werde auf viele Aspekte eingegangen – von Beschäftigungsformen über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis hin zu Arbeit 4.0. Arbeitszeitverkürzungen und neue Arbeitszeitmodelle würden jedoch nur bedingt angesprochen, kritisiert Holzinger: „Wirtschaftsbildung muss zukünftig stärker auf innovative Arbeitszeitmodelle eingehen, weil diese von jüngeren Generationen gefordert werden. Die aktuelle Diskussion in Österreich über ‚Lifestyle‘-Teilzeit allein legt eine konstruktive Auseinandersetzung nahe.“
In den Ausführungen zur Sozialpolitik gibt es laut Holzinger zwei Stoßrichtungen: „Einige Schulbücher stellen die Vorzüge und Errungenschaften des Wohlfahrtstaates in den Mittelpunkt, andere dessen Nicht-Mehrfinanzierbarkeit sowie das Einfordern von mehr Eigenverantwortlichkeit, was etwa durch verschärfte Bedingungen für Arbeitslose oder mehr Anreize zur Eigenvorsorge erwartet wird.“
Ungleichheit werde in den Schulbüchern unterschiedlich behandelt, so Holzinger: „Manche betonen die Ungleichheit global oder zwischen Regionen, manche betonen eher die Ungleichheit bei den Einkommen, nur zum Teil wird jene bei den Vermögen problematisiert.“
Globalisierung und weltweiter Handel werden in den meisten Büchern mit ihren Chancen und Problemen beschrieben, so Holzinger. „Genannt werden etwa billigere Produkte durch mehr Wettbewerb als Vorteil für uns als Konsument*innen, die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer als Nachteil, wobei die Gewichtung nach Schulbüchern variiert. Das bestehende Welthandelssystem wird teilweise kritisiert, der Welthandel an sich aber nicht in Frage gestellt. Aus ökologischer Sicht muss Wirtschaftsbildung nicht nur über einen ethischen oder fairen Welthandel reflektieren, sondern auch darüber, wie viel Welthandel überhaupt sinnvoll und nötig ist.“
Hans Holzinger: Wirtschaft – Umwelt – Klima – Soziales. Die Darstellung von Wirtschaft in Österreichs Schulbüchern für Geografie und wirtschaftlicher Bildung im Kontext von nachhaltiger Entwicklung und planetarer Grenzen. Salzburg/Wien 2025. 280 Seiten. ISBN Softcover: 978-3-99192-213-1, ISBN E-Book: 978-3-99192-212-4
Mehr: www.hans-holzinger.org/wirtschaft-im-kontext-okologischer-und-sozialer-nachhaltigkeit-eine-analyse-osterreichischer-schulbuecher/
Bestellung: www.buchschmiede.at/app/book/318119-Hans-Holzinger-Wirtschaft-Umwelt-Klima-Soziales
Zum Autor: Hans Holzinger ist Wirtschafts- und Sozialgeograph, Senior Adviser der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschienen „Wirtschaftswende“ (oekom 2024).
Rückfragen: Tel. 0043.699.11370178
Anhang: Porträtfoto (C) Carmen Bayer/JBZ, Cover der Studie